Husten, Halsweh und nichts hilft?

Iss ein Hähnchen! Über 90% aller Masthühner in Deutschland erhalten Antibiotika.

Quelle: Studie des Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz Nordrhein-Westfalen

In der Sommerzeit hat Grillen Hochkonjunktur. Je nach Vorliebe und Geschmack kommen verschiedene Fleisch- und Gemüsesorten auf den Grill. Vor allem Hähnchen- und Putenfleisch wird gerne zum Grillen verwendet. Viele schätzen das Fleisch vor allem wegen seines geringen Fettgehalts.
Trotz dieser Vorzüge von Geflügel gegenüber Schweine- und Rindfleisch gibt es immer wieder Debatten über die Haltungsbedingungen in der Hühnermast sowie über die Qualität und die Risiken des Konsums von Hähnchenfleisch.
Auslöser dieser Diskussionen sind oftmals Enthüllungen über den massiven Einsatz von Antibiotika in der Mast. In diesem  Zusammenhang betonen Ärzte immer wieder die Auswirkungen dieser Praxis auf die Behandlung bakterieller Krankheiten beim Menschen.  Doch warum ist der Einsatz von Antibiotika in der Mast ein so großes Problem? Und in welcher Art und Weise wirkt sich dies auf die Behandlung von Krankheiten beim Menschen aus?

Was sind eigentlich Antibiotika?

Um zu verstehen, welche Folgen der Einsatz von Antibiotika hat, muss man wissen, was Antibiotika überhaupt sind. Der Brockhaus erklärt:„Antibiotika sind niedermolekulare Stoffwechselprodukte u.a. von Bakterien und Pilzen, die dafür empfindliche Mikroorganismen abtöten oder ihre Vermehrungsfähigkeit blockieren.“ Diese Entdeckung machte Alexander Fleming 1928, als er beobachtete, wie durch den  Schimmelpilz Penicillium notatum das Wachstum eines anderen Bakterienstammes gehemmt werden konnte. Die dafür verantwortliche Substanz nannte er „Penicillin“. Mittlerweile gibt es über 400 verschiedene Antibiotika, die jeweils spezifisch gegen einen bestimmten Bakterienstamm wirken und somit Krankheiten erfolgreich bekämpfen können. In der Humanmedizin werden sie beispielsweise gegen bakterielle Bronchitis, Mandelentzündungen oder bei bakteriellen Infektionen von Haut und Wunden eingesetzt.

Antibiotika in der Hähnchenmast

Antibiotika kennen wir also als nützliche Medizin. Doch wer hätte gedacht, dass in der Tiermast mehr als doppelt so viele Antibiotika eingesetzt werden wie in der Humanmedizin? Dies liegt daran, dass die Mastbedingungen einen Einsatz für Landwirte oft unverzichtbar machen. Um noch mehr Gewinn zu erzielen, leben in manchen Mastbetrieben über 100.000 Hühner auf engem Raum. Ihre durchschnittliche Lebenszeit beträgt 32 Tage. Um in dieser kurzen Zeit, das für die Schlachtung nötige Gewicht zu erreichen, werden Antibiotika als Wachstumsförderer eingesetzt.
Dazu werden die Antibiotika über einen Zeitraum von nur ein bis zwei Tagen in kleinen Mengen dem Futter beigemischt. Diese Unterdosierung erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass sich Bakterien bilden, die gegen diese Antibiotika unempfindlich sind, man spricht von Resistenzen. Diese Praxis ist seit 2006 durch die EU offiziell verboten, trotzdem konnte eine Studie des nordrhein-westfälischen Landesamtes für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz belegen, dass diese Maßnahme immer noch angewendet wird.
Im Rahmen dieser Studie werteten die Überwachungsbehörden Daten von 984 Mastdurchgängen aus 184 Betrieben aus. In 84% der untersuchten Mastdurchgänge kamen Antibiotika zum Einsatz, das entspricht 91,6% der behandelten Tiere. Bei 40% der Behandlungen betrug die Anwendungsdauer nur ein bis zwei Tage je Wirkstoff.
Die zweite Funktion, die Antibiotika erfüllen, ist die Behandlung von bakteriellen Infektionen. Dabei werden aber nicht nur den erkrankten Tieren Antibiotika verabreicht, sondern dem gesamten Bestand, da das Risiko der Übertragung wegen der hohen Tierdichte sehr groß ist. Auch diese zweite Maßnahme erhöht das Risiko der Entstehung resistenter Bakterien.

Welche Auswirkungen hat diese Praxis für uns Menschen?

Schon vor der Schlachtung tauschen die einzelnen Bakterienstämme untereinander Teile ihres Genoms aus, auf dem sich Resistenzen gegen bestimmte Antibiotika befinden. Auf diese Weise entstehen Bakterien, die gegen eine Vielzahl von Antibiotika resistent sind. Solche Bakterien nennt man multiresistent.
Während der Schlachtung besteht die Gefahr, dass diese multiresistenten Keime auf das Fleisch übertragen werden, welches wir später im Supermarkt kaufen können. Im Jahr 2010 hat das Robert Koch Institut festgestellt, dass fast jede dritte Probe von tiefgekühltem Mastgeflügel multiresistente Keime im Auftauwasser enthält. Eine Untersuchung des Bundesinstitutes für Risikobewertung (BfR)  im Jahr 2011 zeigte, dass 42,2 % der Putenfleischproben und 22,3 % der Hähnchenfleischproben mit multiresistenten Keimen belastet waren.
Kommt der Mensch mit solch belastetem Fleisch in Kontakt, können die multiresistenten Keime in den Körper gelangen und dort zu Infektionen führen. Besonders gefährdet sind Menschen mit geschwächtem Immunsystem. Im schlimmsten Fall kann es zu Lungenentzündungen oder Blutvergiftungen kommen.
Eine Behandlung gestaltet sich in solch einem Fall äußert schwierig, da die multiresistenten Keime gegen fast alle Antibiotika, die zur Behandlung eingesetzt werden, unempfindlich sind. Somit bleibt die Antibiotikabehandlung wirkungslos.

Multiresistente Keime sind oft tödlich

Dass multiresistente Bakterien mittlerweile zu einem großen Problem geworden sind, zeigen Untersuchungen, die sich mit Todesfällen in Krankenhäusern beschäftigen, die auf den sog. MRSA Erreger zurückzuführen sind. Dieses Bakterium ist gegen alle gängigen Antibiotika resistent. Schätzungsweise infizieren sich jedes Jahr 50.000 Menschen mit dem Erreger, 1500 sterben daran.
Leider Gottes bringt es also doch nichts, bei Krankheit ein Hähnchen zu essen. Im Gegenteil: der Antibiotika-Einsatz in der Hühnermast beeinflusst unsere Gesundheit leider zum Negativen.
Für alle, die unbeschwert grillen wollen, die sich keine Gedanken über Bakterien in Fleischprodukten machen wollen und sich für eine artgerechte Tierhaltung einsetzen möchten, können die folgenden Punkte eine wichtige Handlungsorientierung darstellen. 

  • Eine Reduktion des Fleischkonsums und die Ausrichtung zu einer eher vegetarischen Ernährung vermindert das Risiko mit resistenten Keimen in Berührung zu kommen.
  • Anstatt Geflügel aus konventioneller Produktion zu kaufen, weichen wir auf Biogeflügel oder Geflügelprodukte von Bioland oder Demeter aus, die überhaupt keine Antibiotika einsetzen.
  • Generell gilt, dass jegliches Fleisch gut durchgebraten werden sollte, um resistente und andere Keime abzutöten. Nach Kontakt mit rohem Fleisch gründlich die Hände waschen.

 

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