Bioplastik – Lösung oder Sackgasse?

Neuer Hipstertrend? Ersetzt die Biotüte den Jutebeutel? 

Quelle: Umweltbundesamt und unser gesunder Menschenverstand.

Ich stehe im Supermarkt, greife in die Tiefkühltruhe und packe das Gemüse in meinen Einkaufswagen. Anschließend hole ich noch ein Spülmittel, einen Frischkäse und eine Packung Chips. Alle vier Produkte sind in Plastik verpackt. Es bestimmt unseren Alltag. Worauf wir unseren Fokus auch werfen, Plastik ist allgegenwärtig. Doch Kunststoff aus Erdöl ist langlebig. Er ist biologisch nicht abbaubar, was bedeutet, dass jedes Stück Plastik bis zu 450 Jahre überdauert und sich vor allem im Meer anreichert (siehe rehab impuls „Plastik im Ozean“). Kunststoffe sind oft mit Substanzen wie Weichmacher oder Bisphenol A versehen, die langfristig im Tierreich sowie bei uns Menschen das Erbgut verändern oder Krebserkrankungen begünstigen können.

Welche unserer alltäglichen Plastikprodukte könnten wir durch andere Materialien ersetzen, auf welche könnten wir ganz einfach verzichten und für welche müsste man alternative, formbare Stoffe entwickeln? Herkömmliches Plastik birgt zu viele Risiken für das Ökosystem und für die Gesundheit. Nach Alternativen wird gesucht – auch weil Erdöl nicht ewig verfügbar ist.

Biokunststoff – ein vielversprechendes Wort

Seit einigen Jahren werden vermehrt Biokunststoffe auf Basis nachwachsender Rohstoffe hergestellt. Sie werden größtenteils für Verpackungen, Mülltüten und Einmal-Geschirr verwendet. Als Ausgangsmaterial dienen nicht mehr Erdöl, sondern pflanzliche Rohstoffe. Verwendet werden Mais, Kartoffeln, Getreide und Zuckerrohr und zukünftig wahrscheinlich auch Zuckerrüben.
Die Idee ist nicht neu. Schon 1869 stellten die Gebrüder Hyatt Celluloid her, einen thermoplastischen Kunststoff aus Pflanzenfasern. Erst nach 1980, mit der Suche nach nachhaltigen Alternativen zum Erdöl, gewann dieses Verfahren wieder an Bedeutung. Experten schätzen, dass mittelfristig etwa 10 Prozent der gesamten Kunststoffproduktion beziehungsweise 70 Prozent der Kunststoffverpackungen durch Biokunststoffe ersetzt werden können.

Biologisch abbaubar?

Bisher konnten sich Biokunststoffe gegenüber den fossilen Kunststoffen nicht durchsetzen, denn sie sind teurer, schlechter verfügbar und haben eine schlechtere Materialleistung, das heißt es braucht mehr Material für die gleiche Festigkeit. Auch die Entsorgungssituation ist noch unbefriedigend.
Wer glaubt, dass Bioplastik aus Pflanzen einfach verrotten kann, liegt falsch. Gemäß der Definition des Umweltbundesamtes müssen Biokunststoffe entweder:

  • ganz oder teilweise aus Biomasse hergestellt, aber nicht bioabbaubar sein,
  • nach den Vorgaben anerkannter Normen bioabbaubar sein, oder
  • biobasiert und bioabbaubar gleichzeitig sein.

Ein Biokunststoff muss also nicht zwingend abbaubar sein. Und so entwickelt sich auch der Markt – oft enthalten Biokunststoffe trotzdem noch 40 bis 70 Prozent fossile Rohstoffe. Dies ist bei den aufstrebenden Verpackungsmaterialien, Bio-PE und Bio-PET, der Fall. Für Tüten und Taschen gilt auch, dass die höhere Dicke der Biokunststoff-Folien einen höheren Materialbedarf zur Folge hat. Biokunststofftüten verursachen deshalb zurzeit sogar höhere Umweltlasten als die herkömmlichen Alternativen.
Doch was ist mit den wirklich abbaubaren Biokunststoffen (siehe Siegel)? kompostierbar_logoKompostierbare Kunststoffe sollten eigentlich über die Biotonne entsorgt werden. Ihre Verrottungszeit von zwei Jahren ist jedoch viel länger als die des normalen Biomülls und ergibt keinen hochwertigen Humus. So wird kompostierbares Plastik oft aussortiert und verbrannt. Für Verbraucher ist es auch schwierig, die Biokunststoffe von konventionellen zu unterscheiden. Deshalb landet das Bioplastik oft im Restmüll oder im Gelben Sack. Die abbaubaren Kunststoffe stören jedoch den Recycling-Prozess der fossilen Kunststoffe, werden  aussortiert und landen in der Müllverbrennungsanlage.

Bioplastik verbraucht Fläche

Wirft man den Blick auf den Rohstoffanbau und die Herstellung ergeben sich weitere Probleme: Der Flächenbedarf für den Anbau beträgt in Deutschland aktuell weniger als 0,001 Prozent der globalen Nutzung von landwirtschaftlichen Flächen. Die verwendeten Rohstoffe sind jedoch durchweg Grundnahrungsmittel. Mais und Getreide wird bereits in Biogasanlagen vergärt und für Biosprit verwendet. Eine Expansion der Bioplastikproduktion würde den Lebensmittelpreis noch weiter in die Höhe treiben. Der Anbau von Pflanzen für diese Verpackungen verstärkt zudem die Versauerung von Böden und die Eutrophierung von Gewässern.
Zieht man letztendlich eine Ökobilanz, zeigt sich, dass der Biokunststoff derzeit, zumindest in der Regel, noch nicht besser abschneidet als der herkömmliche.

Kunststoff aus pflanzlichem Abfallprodukt – schon eher „bio“?

Umweltfreundlich ist der Biokunststoff bisher also nicht. Wäre er nicht aus Ressourcen, die als Grundnahrungsmittel gelten, sondern aus einem Abfallprodukt, käme er dieser Bezeichnung schon näher.  Ein Ansatz ist die Kunststoffproduktion aus Lignin, ein Abfallprodukt der Papierherstellung. 50 Millionen Tonnen Lignin jährlich kommen auf diese Weise weltweit zusammen. Der überwiegende Teil wird verbrannt, obwohl sein Heizwert dreimal geringer ist als der von Heizöl. Die Firma Tecnaro hat ein Verfahren entwickelt, das Lignin in Polymere verwandelt. Verstärkt mit Pflanzenfasern wird aus den natürlichen Polymeren wiederum Kunststoff.

Fazit

Neuer Hipster-Trend hin oder her, Biokunststoffe weisen derzeit also eine schlechte Ökobilanz auf, können aber vor allem im Bereich der Lebensmittelverpackung ein Teil einer Lösung sein. In Zukunft könnte es abbaubare und gleichzeitig umweltfreundlichere Alternativen zum den fossilen Kunststoffen geben, wie auch das Beispiel Lignin zeigt. Am besten ist und bleibt aber so wenig Plastik wie möglich zu konsumieren, dieses Plastik lange zu nutzen und es schließlich bestmöglich zu recyceln. Ob Trend oder nicht: Der langlebige Jutebeutel bleibt also zumindest aus Umweltgesichtspunkten unsere erste Wahl!

 

 

  • Unseren Einkauf erledigen wir mit Rucksack oder Stofftasche und wir versuchen möglichst wenig verpackte Produkte zu kaufen. Tipps für Plastikfreie Produkte gibt in unserem Blog beim Selbstversuch „Alltag ohne Plastik – geht das?“
  • Die Verwendung von Mehrwegprodukten ist immer der umweltfreundlichere Weg. Wenn wir Feste feiern, nehmen wir wiederverwendbares Geschirr, Besteck und Tischdecken….
  • Generell: wir recyceln so viel wie möglich und überlassen keinen Plastikmüll der Natur. Ob am Strand, beim Picknick im Grünen oder sonstwo – unseren Müll nehmen wir grundsätzlich wieder mit. Am besten immer mehr, als man selber mitgebracht hat.
  • Trinkwasser kaufen wir aus Glasflaschen oder wir sparen uns das Kistenschleppen und trinken hauptsächlich Leitungswasser. Wenn es doch eine Plastikflasche sein soll, kaufen wir eine PET-Mehrwegflasche und lassen die Einweg-Plastikflaschen im Regal stehen. Auch wenn sie 25 Cent Pfand kosten bedeutet das nicht, dass sie wiederbenutzt werden. Finanzielle und ökologische Vorteile von Leitungswasser finden sich im rehab impuls “Leitungswasser vs. Mineralwasser”.
  • Wir ermutigen auch unsere Freunde ihren Müll sachgemäß zu entsorgen.

 

Weiterführende Informationen und Quellen

  • Die Problematik der Kunststoffe wird in einer Sendung von Quarks & Co anschaulich gezeigt. Auch die Homepage zum Film „Plastic Planet“ bietet einen Überblick zum Thema Plastik.
  • Welches Plastik steckt in unserer Kleidung und in unserer Küche? Dies, und wie die chemische Herstellung und genaue Zusammensetzung der verschiedenen Kunststoffe aussieht, erklärt die FU Berlin sehr anschaulich.
  • Der Kunststoff aus Lignin wird von der Firma Tecnaro hergestellt. Artikel zu ihrem patentierten Verfahren gab es unter anderem in der Zeit und im Stern.
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