Essensreste

Jeder Bundesbürger ist pro Jahr für durchschnittlich 53 Kilo vermeidbare Lebensmittelabfälle in seinem Haushalt verantwortlich. Das sind Waren im Wert von 235 Euro.

Quelle: Studie der Uni Stuttgart im Auftrag des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz

Wer kennt es nicht? Die riesige Packung Karotten nicht ganz geschafft, im hintersten Eck des Kühlschrank ein verschimmeltes Stück Käse entdeckt oder das angebrochene Glas Pastasauce nach ein paar Wochen dann doch entsorgt – viel zu häufig werfen wir Lebensmittel weg. Was zur Zeit unserer Großeltern undenkbar gewesen wäre, ist mittlerweile gang und gäbe. Wir haben nur noch wenig Bezug zu unserer Nahrung, die wir in Plastik verpackt einkaufen. Vieles ist einfach zu billig und schnell nachgekauft und solange uns keiner beobachtet, haben wir nicht einmal ein schlechtes Gewissen, wenn wir Lebensmittel wegwerfen.

Beschämende Zahlen

Eine vom Verbraucherministerium in Auftrag gegebene Studie errechnete eine Gesamtmenge von knapp 11 Millionen Tonnen Lebensmitteln, die jedes Jahr von Industrie, Handel, Großverbrauchern und Privathaushalten entsorgt werden. 5% davon, oder 550.000 Tonnen, gehen auf die Kappe des Handels, während die Lebensmittelindustrie und Großverbraucher (u.a. Gaststätten, Kantinen, Hotels) für jeweils 17% oder 1,9 Millionen Tonnen Lebensmittelabfälle verantwortlich sind. Der größte Teil des Müllberges, nämlich 61% oder 6,7 Millionen Tonnen, entsteht in den Privathaushalten. Im Durschnitt wirft jeder Bundesbürger jährlich 81,6 Kilo Lebensmittel weg. Rund zwei Drittel dieser Abfälle wären laut der Untersuchung vermeidbar, der Rest sind „unvermeidbare“ Abfälle wie Bananenschalen oder Knochen. Das sind etwa 53 Kilo vermeidbarer Abfälle pro Person und Jahr. Waren im Wert von 235 Euro landen so in der Tonne. Zusammen genommen kostet diese Verschwendung in Deutschland jährlich 19,1 Milliarden Euro. Das ist das Doppelte des Jahresumsatzes aller deutschen Lidl-Filialen. Verrückt!

Wieso, weshalb, warum?

Warum werfen wir so viel weg, wo wir doch eigentlich versuchen, möglichst wenig Geld für Lebensmittel auszugeben? Wir lassen uns verführen. Wir kaufen Großpackungen, weil diese vermeintlich billiger sind. Wir kaufen mehr als wir brauchen, weil vieles so lecker aussieht. Wir lagern unsere Lebensmittel nicht richtig. Wir werfen sie weg, weil das Mindesthaltbarkeitsdatum in Kürze abläuft. Wir kochen mehr als wir benötigen und machen nichts aus den Resten.

Das verwirrende Mindesthaltbarkeitsdatum ist nur ein Grund

Die unklare Bedeutung des Mindesthaltbarkeitsdatums (MHD) wurde in den letzten Monaten oft als Grund für die Verschwendung genannt. Das MHD ist kein Verfallsdatum, sondern eine Herstellergarantie für die Produktqualität. Bis zu dem angegebenen Datum garantiert der Hersteller, dass die ursprünglichen Produkteigenschaften, wie etwa die Cremigkeit eines Joghurts, erhalten bleiben. Nach Ablauf des Datums kann das Lebensmittel also durchaus noch verzehrt werden. Egal ob das MHD abgelaufen ist oder nicht: Wenn wir unseren Sinnen vertrauen und Geruchs- und Geschmackstest positiv ausfallen, können wir das Nahrungsmittel problemlos genießen.
Nicht nur wir Verbraucher sind für die Berge an essbaren Abfällen verantwortlich. Schon auf dem Acker bleiben Lebensmittel zurück, weil sie von den Maschinen nicht erfasst werden oder den hohen Ästhetik-Standards nicht gerecht werden – diese Verluste werden von obiger Studie nicht einmal erfasst. Wegen Überproduktion, Fehlern im Herstellungsprozess oder dem Aussortieren von Produkten mit unregelmäßiger Form werden auch von der Lebensmittelindustrie viele Lebensmittel verschwendet. Indirekt zahlen auch hier die Verbraucher die entstehenden Kosten. Im Handel werden weitere Lebensmittel, zum Beispiel wegen kleiner Druckstellen, aussortiert. Da die Regale oft bis Ladenschluss voll sein sollen, werden zudem viele leicht verderbliche Waren am Ende des Tages entsorgt, bevor sie den Weg zum Verbraucher schaffen.
Weitere Gründe gibt es auf Seite 5 der Zusammenfassung der Studie.

Der Grund für das Übel liegt tiefer

Die Lösung dieser sichtbaren Probleme, etwa durch gesetzliche Regelungen, kann sicher zu einer Reduzierung der Abfallberge führen. Wollen wir aber die Verschwendung von Lebensmitteln in unserer Gesellschaft ernsthaft bekämpfen, brauchen wir ein anderes Verhältnis dazu. Der tiefere Grund dürfte nämlich in einer Entfremdung der Verbraucher von seiner Nahrung liegen. Wer nie eine Kuh im Stall gesehen, nie ein Schwein gefüttert oder nie Gemüse- und Salatbeete vom Unkraut befreit hat, dem fällt die Wertschätzung dergleichen einfach schwer. Viele kennen Lebensmittel nur aus der Werbung und dem Supermarkt. Sie glänzen, müssen hübsch und frisch sein, sind in Plastik verpackt und Schönheitsfehler gibt es nicht. Dieses realitätsfern gezeichnete Bild führt dazu, dass im Handel und im Haushalt sehr viele einwandfreie Lebensmittel aussortiert werden.

Deshalb müssen wir schon unseren Kindern beibringen, wo Fleisch und Würste herkommen, wie Tiere gehalten werden, wie Tomaten und Salate wachsen und welcher Aufwand und welche Ressourcen dafür nötig sind. Außer den Eltern müsste vor allem in Schulen hierzu mehr Aufklärung betrieben werden. Auch manch Erwachsener hätte sicher Spaß daran, mal das eigene Essen zu ernten und würde dann gewiss weniger Lebensmittel wegwerfen.
Wir alle sollten beim Lebensmitteleinkauf weniger geizig sein, sollten wieder öfter bei Erzeugern und weniger in Supermärkten einkaufen und sollten über einen gefüllten Kühlschrank so dankbar sein, dass wir nicht ohne Bedenken Lebensmittel wegwerfen. Nur durch ein kollektives Umdenken, werden die Müllberge voller Lebensmittel kleiner. Also lasst uns anfangen und versuchen in den nächsten Wochen keine Lebensmittele zu verschwenden. Konkrete Tipps dazu gibt es wie immer bei den rehab-Taten.

  • Geplant einkaufen:

    • Vor dem Einkauf zu schauen, welche Lebensmittel noch zu Hause sind, vermeidet, zu viel leicht verderbliches im Kühlschrank zu haben.
    • Das Schreiben eines Einkaufszettels hilft, nicht zu viele Sachen einzukaufen, die man doch nicht braucht.
    • Wir kaufen keine zu großen Packungsgrößen, da sonst die Wahrscheinlichkeit steigt, dass wir Teile davon wegwerfen.
  • Nach dem Einkauf:

    • Frisch gekaufte Produkte stellen wir nach hinten, ältere nach vorne, damit sie nicht vergessen werden.
    • Bei abgelaufenem MHD sind Lebensmittel nicht automatisch schlecht. Wir werfen sie nicht gleich weg, sondern testen erstmal mit unseren Sinnen, ob die Waren wirklich ungenießbar sind.
    • Wir lagern unsere Lebensmittel richtig – wie, steht zum Beispiel hier.
  • Nach dem Essen:

    • Noch warme oder lauwarme Speisen stellen wir nicht sofort in den Kühlschrank! Wir lassen sie erst abkühlen, da sonst die Temperatur im Kühlschrank zunimmt und so unnötig Energie verbraucht wird und die Lebensmittel im Kühlschrank wärmer werden.
    • Die Aufbewahrung in geeigneten Verpackungen schützt die Lebensmittel vor Austrocknen, Geruchsübertragung und der gegenseitigen Übertragung von Keimen und erhöht somit deren Haltbarkeit. Daher sollten alle Lebensmittel verpackt gelagert werden.
  • Bleibt mal was über…

    • … heben wir die Reste gekühlt auf und verbrauchen sie in den nächsten Tagen. Leckere und kreative Reste-Rezepte gibt es zum Beispiel hier.
    • … frieren wir es ein.
    • … verschenken wir es über die Plattform foodsharing.de.
    • … führen wir eine Liste mit den Lebensmitteln, die noch diese Woche aufgegessen werden müssen.

 

Weiterführende Informationen

 

  • Für die Geburtstagsparty zu viel eingekauft oder der Kühlschrank ist kurz vor dem Urlaub noch voll? Die Lebensmittel müssen nicht weggeworfen werden. Auf der Plattform www.foodsharing.de können sie auch verschenkt werden bzw. man kann selber kostenlose Lebensmittel  in der Umgebung finden.

 

  • Was gehört wo in den Kühlschrank, was sollte besser nicht gekühlt werden? Auf der Homepage von IN FORM muss man die Lebensmittel an die richtige Stelle schieben – ein paar Überraschungen sind dabei!