Faire Klamotten – Wie erkenn‘ ich sie?

Ich mag am liebsten fair und bio gestreichelt werden. Gift kommt mir nicht an die Haut. 
Dein Nippel

mit tatkräftiger Unterstützung von Verena und Raphael vom Nord Süd Forum

Über fair und bio freut sich nicht nur der Nippel. Nein, auch dein Gewissen freut sich, denn neben deiner Haut profitieren noch viele weitere Menschen von deiner Kaufentscheidung.

Wer zahlt für deine Standard-Shirts?

Erinnert ihr euch noch an den Primark-Fall? Näher*innen haben auf Waschzettel oder auf versteckten Zettelchen kleine SOS-Botschaften über ihre unerträglichen Arbeitsbedingungen hinterlassen. Eine persönliche Nachricht der besonderen Art.
Dass bei einem T-Shirt für drei Euro irgendjemand draufzahlen muss, ist uns ja eigentlich schon länger klar und von weiteren Nebenwirkungen derartiger Billigproduktion will ich hier gar nicht erst anfangen, aber auch bei teuren und exklusiven Modelabels sind die Einhaltung von Sozialstandards keineswegs garantiert. Die internationale Clean Clothes Campaign hat erst vor kurzem darauf hingewiesen, dass das Luxus-Label BOSS seinen Arbeiter*innen in der Türkei und in Kroatien durchschnittlich monatliche Nettolöhne zwischen 308 und 440 Euro bezahlt – weit unter dem Existenzminimum und sogar unter den selbst gesetzten Sozialstandards des Unternehmens.
Beim Thema Kleidung besteht innerhalb der gesamten Wertschöpfungskette (Rohstoffgewinnung, Produktion, Veredelung, Verkauf und Entsorgung) nach wie vor eine recht erhebliche Schieflage.

 

Hier ein paar Fakten:

  • In Zulieferfabriken in Bangladesch müssen die Arbeiter*innen 7 Tage die Woche 13-15 Stunden täglich arbeiten und trotzdem reicht der Lohn oft nicht aus, um die Familie zu ernähren.

  • Die Lohnkosten für ein paar Turnschuhe: 70 Cent. Verkaufswert: 100 Euro. Bei einem Lohn von 1 Euro könnten die Arbeiter ein existenzsicherndes Einkommen erzielen.

  • In vielen Fabriken gibt es Gutscheine für Toilettenpausen. Die Gänge zur Toilette werden limitiert, deshalb trinken die Arbeiterinnen häufig zu wenig, was sich widerum negativ auf ihre Gesundheit auswirkt.
  • In neuseeländischen Großschafherden werden die Schafe chemisch geschoren: Die Tiere werden in Platsiknetze gehüllt und bekommen eine Chemikalie zum Fellverlust gespritzt.

  • In Indien sind mehr als 80% der angebauten Baumwollpflanzen gentechnisch verändert. Für die Samen müssen die Bauern hohe Lizenzgebühren zahlen und geraten dadurch in die Schuldenfalle. Eine viertel Million Bauern in Indien hat Selbstmord begangen, die meisten davon im Baumwollgürtel.

    Diese Liste ließe sich noch um etliche nachdenklich stimmende Fakten erweitern…

A bissal was geht immer…

Bleibt also die Frage, wie wir als Konsument*innen diesem ganzen Wahnsinn begegnen können und möchten. Jede*r Deutsche kauft im Durchschnitt 40-70 Kleidungsstücke pro Jahr (11-15 kg). Damit sind wir gemeinsam mit den USA und der Schweiz Weltspitze. In München liegt der Wert auf dem bundesweiten Rekordniveau von 40 kg. Der durchschnittliche weltweite Textilverbrauch für Kleidung liegt bei 8 kg pro Jahr.

Geht’s auch mit weniger?

Wie wir im Artikel „Altkleidung – wohin damit?“ zeigen, modern ein bis zwei Drittel unserer Klamotten ungetragen vor sich hin. Wir haben also mehr als wir brauchen. Zu allererst heißt es also: weniger und dafür „besser“ shoppen!

Wie geht „besser“ shoppen?

Inzwischen gibt es etliche Labels und Läden, die bezahlbare und schicke Klamotten verkaufen, welche uns aus ethischer Perspektive nicht direkt die Haare zu Berge stehen lassen.
Allerdings waren auch wir bei unseren Recherchen, wie die meisten Verbraucher*innen, zunächst verwirrt und überfordert. Mittlerweile gibt es über 100 Nachhaltigkeitsstandards und Gütesiegel, die die Einhaltung ökologischer und sozialer Kriterien versprechen. 
Doch wie lässt sich erkennen, was sich hinter den bunten Zeichen und Siegeln verbirgt und welche davon wirklich in allen Produktionsschritten hohen öko-sozialen Standards genügen? 

Die Analyse ist ernüchternd:

Kein Standard deckt in allen Prozessstufen der Lieferkette soziale UND ökologische Aspekte zufriedenstellend ab. Wenn eine Modefirma beide Bereiche über die gesamte Lieferkette mit Hilfe von Nachhaltigkeitsstandards glaubwürdig abdecken möchte, dann müssen mehrere Standards kombiniert werden.
Für sich allein genommen haben also alle Siegel ihre blinden Flecken, nur in der Kombination decken sie die gesamte Produktionskette ab. Somit bleibt es für uns Endverbraucher relativ schwer und unübersichtlich, sich in diesem Dschungel Klarheit zu verschaffen.
Wer mit gutem Gewissen Mode kaufen will, ist also um Orientierungshilfen dankbar. Tadaaa, und hier sind sie:

Öko-faire Läden in München

Land auf Land ab sprießen faire Klamottenläden aus dem Boden. Auch in München gibt es mittlerweile eine Vielzahl an Geschäften, die ökologisch und fair produzierte Mode anbieten.
Das Nord Süd Forum stellt auf muenchen-fair.de die hiesigen Vorreiter des öko-sozialen Klamottenhandels vor: DearGoodsgloreiki M.Phasenreich und mehr! Ab Oktober 2015 erscheint die Seite sogar in neuem Glanz.

Öko-faire Labels und Modemarken

Die Nachfrage nach ökologisch und sozial hergestellter Kleidung ist zumindest in Teilen der Branche angekommen. Nachhaltigkeit wird zunehmend ein Verkaufsargument. Immer mehr Labels gehen innovative Wege, produzieren mit Bio-Baumwolle oder Hanf, distanzieren sich vom Gebrauch umwelt- und gesundheitsschädigender Chemikalien bei der Verarbeitung und setzen sich für menschenwürdige und existenzsichernde Löhne und Arbeitsbedingungen der Näher*innen ein.
Vor allem junge Designer*innen lassen das alte, schlabbrige Ökoimage hinter sich und kreieren Mode die wirklich gut aussieht.

 

Hier einige Labels aus Deutschland:
armedangels (Köln), bleed clothing (Helmbrechts), Recolution (Hamburg), slowmo (Berlin), monkee (Nürnberg), greenality (Stuttgart) uvm.

Besonders hinweisen möchten wir auf die Münchner Labels:
room to roam, THOKKTHOKK, flowers&birds, india fling, mandala, Minga Berlin, Pearls of Laja und wearpositive.

Im Blog von Kirsten Brodde findet man eine Liste verschiedener internationaler öko-sozialer Labels und eine Liste öko-sozialer Labels aus Deutschland.

Online-Shops für öko-soziale Klamotten, die mehrere Labels im Angebot haben, sind z.B.:
Avocadostore, better2gether-shop, www.fairtragen.de, www.futurefashionguide.com, www.glore.de, www.modeaffaire.de, www.unique-nature.de, www.zuendstoff-clothing.de, www.kinderzwirn.de

  • Wir sind die Nachfrage!

Wer sich beim Klamottenkauf nach öko-sozialen Kriterien erkundigt, setzt ein deutliches Zeichen  und animiert die Kleidungsbranche dazu, neue Wege einzuschlagen.

  • Qualität und faire Produkte haben Vorrang

    Gutes Material und gute Verarbeitung verlängern die Nutzungsdauer unserer Klamotten um ein vielfaches. Fair produzierte und gehandelte Waren garantieren Handwerkern und Bauern gerechte Löhne, ermöglichen langfristige Handelsbeziehungen und somit Unabhängigkeit von schwankenden Weltmarktpreisen. Ausbeuterische Kinderarbeit ist strikt verboten. Deshalb konsumiere weniger, dafür kannst du dann mehr Geld für Qualität ausgeben.

  • Nein“ zu Jeans im Used-Look

    Bei dem enorm gefährlichen Vorgang des Sandstrahlens wird feiner Quarzstaub frei gesetzt, der in die Lungen der Arbeiter*innen geraten kann. Viele der Menschen in der Textilproduktion leiden deshalb an der Lungenkrankheit Silikose.

  • Alte Kleidung ist wertvoll 

    Die alten Klamotten sind im Second-Hand-Shop oder in ausgewählten Kleidercontainern, die dem Dachverband Fairwertung e.V. angeschlossen sind, am besten aufgehoben. Alternativ, vor allem bei nicht mehr ganz so gut erhaltenen Stücken: Nähmaschine entstauben und ran an die Fetzen oder gleich ab damit zur nächsten Kleidertausch-Party – Irgendjemandem gefallen sie immer. Wir haben uns auch nochmal extra mit dem Thema auseinandergesetzt: Altkleidung – wohin damit?

Weiterführende Informationen und Links

  • Die Christiliche Initiative Romero und der INKOTA-netzwerk e.V. sind seit Jahren in den Bereichen Recherche, Hintergrund- und Kampagnenarebti die beiden stärksten Träger der CCC in Deutschland. 

  • Der Blog gruenemode von Kirsten Brodde bietet den besten Überblick zu Labels, Läden und Events.

  • GET CHANGED! The Fair Fashion Network vernetzt Interessengruppen und informiert modebewusste und kritische KonsumentInnen über Mode und News rund um das Thema Fair Fashion. 

  • Browser-Plugin gegen Kinderarbeit in der Textilbranche

    Der Münchner Verein Earthlink e.V. hat mit der kostenfreien Browser-Erweiterung aVOID eine Möglichkeit geschaffen, beim Online-Einkauf Produkte von Firmen zu meiden, die unter Verdacht stehen mit Kinderarbeit hergestellt worden zu sein. Das Plugin blendet einfach die Produkte der Marken aus, die nach Einschätzung des Vereins auf der Negativliste gelandet sind: Anstelle des gesuchten Produktes wird ein weißes Feld angezeigt. In einigen Online-Läden herrscht dabei erschreckende Leere.

    Bisher funktioniert das Plugin bei den Online-Händlern Asos, Yoox, Amazon, Target, Macys, Zalando, Google Shopping, Frontlineshop und Otto. Noch steht es aber nur für Safari und Google Chrome zur Verfügung.