Geplante Obsoleszenz

Der Drucker mit eingebautem Selbstzerstörungsmechanismus? Was nach James Bond klingt, ist bei vielen Elektrogeräten gängige Praxis.

Quelle: 3sat-Reportage „Kaputtbar“

 

Wenn der Drucker streikt und die “Gerät defekt”-Meldung auch nach Patronenwechsel auf dem Bildschirm bleibt, hilft oft nur der Neukauf. Eine Reparatur wäre teurer. Schuld ist bisweilen ein integrierter Chip, der das Gerät nach einer – vom Hersteller festgelegten – Seitenzahl künstlich blockiert. Das Ablaufdatum ist hier programmiert.
Dass ein einfaches Softwareprogramm den Zähler der Seitenzahl zurücksetzen könnte, wissen die wenigsten. Zum Neukauf gezwungen heißt es für viele Konsumenten daher: Nichts gewonnen, aber die Wirtschaft angekurbelt.
Das ist nur ein Beispiel, für ein weit verbreitetes Phänomen, das sich “geplante Obsoleszenz” nennt: Mit dem gezielten Einbau von Sollbruchstellen reduziert sich die Haltbarkeit von Produkten. Konsumenten kaufen so häufiger Neues und beleben so ein Wirtschaftssystem, das auf Konsum ausgerichtet ist.

Der Ursprung

“Früher war alles besser”, ist ein Ausspruch, der sich mit den subjektiven Erfahrungen vieler Konsumenten deckt, wenn es um die Produkthaltbarkeit geht. Ganz so einfach ist es nicht: Zwar sind heute mehr Produkte auf den schnellen Verschleiß ausgerichtet, doch ist das Prinzip der geplanten Obsoleszenz seit langem in unserem Wirtschaftssystem verankert.
In den 1930ern sahen Ökonomen in der künstlichen Reduzierung der Haltbarkeit einen Ausweg aus der großen Depression. Die Endlichkeit von Ressourcen war zu diesem Zeitpunkt weder bewusst noch relevant. Das sogenannte Phoebuskartell ist das wohl bekannteste Beispiel für geplante Obsoleszenz: 1924 einigten sich Glühbirnenhersteller weltweit darauf, dass ihre Lampen maximal 1.000 Stunden brennen dürfen. Um das zu erreichen, mussten dann erst einmal schlechtere Glühdrähte entwickelt werden.
Fast alle unsere Elektrogeräte könnten ohne großen Mehraufwand und -kosten länger halten als sie es momentan tun. Das ist natürlich nicht im Interesse der Produzenten, die angesichts gesättigter Märkte auf Absatz verzichten müssten.
Die Folgen sind bedenklich: Jährlich exportiert Deutschland 155.000 Tonnen Elektroschrott, einen Großteil davon nach Afrika. Dass die Ressourcen dort nicht immer sachgerecht recycled werden, muss man wohl nicht näher erläutern.

Der Unterschied zwischen absoluter und relativer Obsoleszenz

Bevor man nun gegen “die böse Wirtschaft” keift, sollte man die Rolle der Konsumenten reflektieren: Geplante Obsoleszenz lässt sich weiter untergliedern – in absolute und relative Obsoleszenz. Nur wenige Produkte, die wir wegwerfen, sind “absolut” kaputt – also schlicht nicht mehr zu gebrauchen.
Eine bedeutendere Rolle hat die relative Obsoleszenz: Elektrogeräte verlieren mit den Jahren an Aktualität und damit an subjektivem Wert. Das Handy mit Mini-Bildschirm kann kein Facebook; mit dem Uralt-Rechner surft sichs langsam. Diese Form der Obsoleszenz ist psychischer Natur, Marketing hat einen wesentlichen Anteil:  Wenn beispielsweise Handyverträge im Zwei-Jahres-Takt mit vergünstigten Smartphones vertrieben werden, haben “alte” Handys schneller ausgedient.

Möglichkeiten für ein Ende der geplanten Obsoleszenz

Das richtige Verhalten im falschen System – geht das? Durchaus. Viele kaputte Elektrogeräte lassen sich relativ einfach selbst reparieren und sogenannte Repair Cafés sind im Kommen: Experten geben dort Hilfestellung zur eigenhändigen Reparatur.
Recycling ist produktübergreifend längst etabliert, aber nur zu einem gewissen Grad möglich. Michael Braungart geht das nicht weit genug. In seinem Ansatz, Cradle-To-Cradle genannt, gibt es überhaupt keinen Müll mehr. Alle Bestandteile sollen bei der Produktgestaltung so verbaut werden, dass sie nach Ende der Nutzung des Produkts in technischen Kreisläufen erhalten bleiben oder in natürliche Kreisläufe zurückgeführt werden können. “Modulare Bauweise” ist das Schlagwort. Erste so gestaltete Produkte sind bereits auf dem Markt, zum Beispiel ein Bürostuhl mit kompostierbaren Bezügen.
Noch weiter gedacht könnten Unternehmen ihre Produkte künftig vermieten, statt sie zu verkaufen. Kunden würden konstant für eine “Performance” zahlen, und nicht mehr einmalig für ein Produkt, das kurz nach Ablauf der Garantie kaputt geht.
Das hätte einige Vorteile: Konsumenten könnten sich über garantiert funktionierende Produkte freuen und die Unternehmen würden in ihrem eigenen Interesse die Haltbarkeit ihrer Produkte erhöhen. Geplante Obsoleszenz stünde im Widerspruch zu diesem Interesse, wäre also Vergangenheit.
Optimisten sehen die Zukunft in “Cradle-To-Cradle”, weil es Wirtschaftswachstum entkoppelt vom Ressourcenverbrauch verspricht. Andere glauben daran nicht, zum Beispiel Niko Paech, Papst der Postwachstumsökonomie. Er plädiert stattdessen für eine Ökonomie des Teilens.

 

  • Die Reparatur von Elektrogeräten ist nicht immer möglich – aber wenn, sollte man die Option auch nutzen. In Städten wie München gibt es ein mittlerweile sogenannte Repair Cafés.
  • Es muss nicht immer die neueste Technik sein. Ein Beispiel: Telefonieren kann man auch mit alten Handys. Wenn es trotzdem ein Smartphone sein soll, kann man sich zunächst im Freundeskreis nach alten, nicht mehr genutzten, Geräten umsehen.

  • Qualität kaufen: Nicht alle Produkte sind gleich gut. Vor dem Kauf lässt sich beispielsweise mit Produktvergleichen auf die erwartbare Haltbarkeit der Produkte schließen.

 

Weiterführende Informationen

  • Das “Fairphone” soll eine sozial- und umweltverträgliche Alternative zu iPhone & Co werden.

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