Glück per Verfassung

„Der Staat bemüht sich, jene Bedingungen zu fördern, die das Streben nach Bruttoinlandsglück ermöglichen.“ (Artikel 9, Absatz 2 der nationalen Verfassung des Königreichs Bhutan)

Quelle: Verfassung des Königreichs Bhutan (auf Englisch)

 

Glück als oberstes Staatsziel? Sollte das oberste Staatsziel nicht unser aller Wohlstand sein? Und korreliert Wohlstand nicht mit Wirtschaftswachstum?

Bhutan – das Streben nach dem Bruttoinlandsglück

Wir blicken zuerst nach Asien – genauer gesagt nach Bhutan. Das Land, zwischen Indien und China gelegen, hat in etwa die Größe der Schweiz aber gerade einmal 700 000 Einwohner, von denen etwa 70% in der Landwirtschaft tätig sind. Den Begriff des „Bruttoinlandsglücks“ prägte in den siebziger Jahren der damalige König Jigme Singye Wangchuck, seit dem Jahr 2008 ist es in der Verfassung verankert. Anhand eines 249 Fragen umfassenden Fragebogens versucht der Staat, das Glück der Bevölkerung zu messen.
Mit dem Ziel sich vom „immer weiter, schneller, mehr“ abzugrenzen, wurde das Konzept des Bruttoinlandsglück erschaffen. Es beruht auf den folgenden vier Säulen:

  • Nachhaltige und gerechte Entwicklung der Wirtschaft und der Gesellschaft  (konkrete Beispiele: um Massentourismus zu vermeiden, muss jeder Tourist 200$ pro Tag zahlen; Bildung und ärztliche Behandlung sind für alle Bürger kostenlos)
  • Erhalt der Umwelt (konkrete Beispiele: laut Verfassung muss mindestens 60% der Landesfläche bewaldet sein; die Hälfte der Landesfläche ist unter Naturschutz gestellt)
  • Gute Regierungsführung (konkretes Beispiel: seit 2008 herrscht eine konstitutionelle Monarchie – es gab erste Wahlen)
  • Bewahrung und Förderung kultureller Tradition (konkretes Beispiel: das Tragen bhutanischer Kleidung ist bei der Arbeit Pflicht)

Ohne die Überprüfung dieser Leitlinien darf in Bhutan keine Fabrik gebaut und kein Gesetz erlassen werden. So soll das Wohl aller im Mittelpunkt stehen und die wirtschaftliche Entwicklung allen zu Gute kommen, ohne eine Minderheit oder zukünftige Generationen zu belasten.
Also das gesetzlich verordnete Glück? Zum Glück könne niemand gezwungen werden, so Bhutans Premierminister Jigme Thinley. Aber: „Der Mensch soll selbst entscheiden, was sein persönliches Glück ist. Wir sorgen für den Rahmen, für kostenlose Bildung und Gesundheit.“

Das klingt toll! Also übernehmen wir das und alle leben glücklich?

Ganz so einfach ist das leider nicht. Schattenseiten gibt es auch in Bhutan. Viele Menschen leben trotzdem unter der Armutsgrenze. Zigaretten sind verboten, Häuser müssen im traditionellen Stil gebaut werden – da würde  bei uns nicht jeder glücklich zum Luftsprung ansetzen. Auch wurden in Bhutan in den letzten Jahren Hunderttausende Nepalesen vertrieben, da sie aus Sicht des Staates den Fortbestand der heimischen Kultur gefährdeten.

Was wir in Deutschland daraus lernen können

Trotzdem können wir von Bhutan lernen. Von dem Land, welches als erstes Glück anstatt rein wirtschaftlicher Daten als Wohlstandsindikator formulierte. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP), da sind sich auch viele westliche Ökonomen und Politiker einig, reicht nicht mehr aus als Gradmesser für Wohlstand und Lebensqualität. Das BIP steigt nämlich nach einem Verkehrsunfall (durch die Autoreparatur oder die Kosten für die ärztliche Versorgung) ebenso an wie durch eine Ölpest (für die Beseitigung der Folgen sind immense Summen vonnöten) – beides sorgt aber wohl kaum für mehr Wohlstand in der Bevölkerung.
Im Bundestag wurde deshalb im Januar 2011 die Enquete-Kommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität – Wege zu nachhaltigem Wirtschaften und gesellschaftlichem Fortschritt in der Sozialen Marktwirtschaft“ ins Leben gerufen. Sie soll den Stellenwert von Wachstum in Wirtschaft und Gesellschaft ermitteln, einen ganzheitlichen Wohlstands- und Fortschrittsindikator entwickeln sowie die Möglichkeiten und Grenzen der Entkopplung von Wachstum, Ressourcenverbrauch und technischem Fortschritt ausloten. Im Sommer 2013 wird ein Ergebnis erwartet.
Die entscheidende Frage wird sein, ob und wie wir in Zukunft gesellschaftlichen Wohlstand und individuelles Wohlergehen messen können. Neben der Wirtschaftsleistung sollten auch die Bildungsmöglichkeiten, der Zustand der Umwelt, die Gesundheit der Bevölkerung oder die Sicherheit eine Rolle spielen, um nur einige Schlagwörter zu nennen. Bei der Zielfindung lohnt sich mit Sicherheit ein Blick nach Bhutan, wo vielleicht nicht die Wirtschaft, möglicherweise aber das Verständnis vom Glück dem Unseren ein wenig voraus ist.
Auch bei uns boomt die Glücksforschung: ob Psychologie, Soziologie oder Neurologie – ein Blick in die Forschungsergebnisse lohnt sich. Spätestens dann wird uns klarer, dass uns Gesundheit, soziale Kontakte und einige andere Faktoren wichtiger sein sollten als ein hoher Gehaltscheck und übertriebener Konsum.

rehab-Taten – was jeder tun kann

  • Wir sind glücklicher, wenn wir mehr Wert aufs Erleben als aufs Haben legen.
  • Wir können uns mehr um unser persönliches Glück kümmern. Alle Studien zeigen, dass Aktivitäten mit Freunden, Sport, Ausflüge in die Natur viel wichtiger sind als die Anhäufung von Konsumgütern.
  • In unserer Demokratie können wir durch Gespräche mit unseren Volksvertretern, Bürgerbegehren, privaten Initiativen, Demonstrationen und letztendlich durch Wahlentscheidungen darauf Einfluss nehmen, welche Ziele uns wichtig sind.
  • Geben & Schenken macht glücklich. Engagiere Dich in einem Verein oder lese Menschen im Altenheim vor – das macht meist glücklicher als ein neues Kleidungsstück. Mehr davon gibt´s auf der Homepage von Action for Happiness.

 

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Quellen und weiterführende Informationen

Die Arte-Sendung „Mit offenen Karten“ erklärt „Bhutan und das Bruttosozialglück“ (12:19 min)

 

In diesem Clip wird das Konzept des Bruttonationalglück und dessen Geschichte in Bhutan erklärt (Englisch; 03:29 min)