Schleppst Du noch oder zapfst Du schon?

In Deutschland kostet ein Liter Mineralwasser aus der Flasche 75 bis 500 mal mehr als ein Liter Leitungswasser, obwohl es nicht von höherer Qualität ist.

Quelle: eigene Rechnung, basierend auf Daten des Statistisches Bundesamtes und auf Preiskontrollen in verschiedenen Supermärkten

Laut dem statistischen Bundesamt kostete ein Liter Leitungswasser im Jahr 2010 in Deutschland durchschnittlich 0,165 Cent. Als günstigstes Mineralwasser ziehen wir das Angebot eines großen deutschen Discounters heran: 19 Cent für eine 1,5l-Flasche entsprechen 12,67 Cent pro Liter – in etwa das 75-fache des Leitungswassers. Bei einem „höherwertigen“ Wasser, das im Einzelhandel für etwas über 80 Cent pro Liter zu erstehen ist, ist man dann schon beim 500-fachen des Leitungswasserpreises. Ein teures Vergnügen also. Dennoch gehen viele Menschen zum Supermarkt statt aus dem heimischen Hahn zu zapfen. Dafür gibt es Gründe – wir haben sie einzeln überprüft.

1) Mineralwasser – Nomen est omen?

Das Ergebnis vorweg: wer wegen der wichtigen Mineralien den höheren Preis in Kauf nehmen möchte, ist auf dem Holzweg. Es gibt für Mineralwasser keinen vorgeschriebenen Mindestgehalt an Mineralien. Nach einem aktuellen Bericht der Stiftung Warentest verfügt zumindest stilles Mineralwasser ganz im Gegenteil meist sogar über einen relativ niedrigen Mineralgehalt. Im Test in der Ausgabe 07/2012 konnte nur eines von 29 stillen Mineralwässern mit einem hohen Mineralgehalt überzeugen. Das ebenso getestete Leitungswasser schwankt je nach Region stark in seiner mineralischen Zusammensetzung, ist im Durchschnitt aber sogar mineralreicher als sein in Flaschen abgefülltes Pendant.
Viel wichtiger aber: der Mineralgehalt des Wassers spielt für den menschlichen Körper eine deutlich geringere Rolle als gemeinhin angenommen. Der holt sich die benötigten Mineralien nämlich vorrangig aus Speisen. Das Umweltbundesamt hält dazu fest: „Wenn Sie über Trinkwasser Ihren täglichen Bedarf an Kalzium und Magnesium decken wollten, müssten Sie täglich einen Eimer Wasser trinken. 100 Gramm Emmentaler haben etwa den gleichen Effekt. Aus dem Trinkwasser benötigt der Mensch vor allem das Wasser.“ Nicht anders verhält es sich bei den weiteren im Wasser enthaltenen Mineralien wie Natrium und Chlorid oder Kalium, welche der Körper aus Kochsalz respektive Obst und Gemüse bezieht.

2) Rein, reiner, Leitungswasser

Manch einer verspricht sich vom Griff zum Mineralwasser eine höhere Reinheit. Sauber und klar, quasi direkt aus der Quelle, so wird es beworben. Dabei sind die Richtlinien der Mineral- und Tafelwasserverordnung gar nicht besonders streng. Grenzwerte für Uran, Industriechemikalien oder Pestizide zum Beispiel, gibt es überhaupt nicht. Die Stiftung Warentest hat zwar in nur einem der getesteten Mineralwässer Hinweise auf solche Verunreinigungen gefunden, trotzdem fehlen bei den Mineralwässern ebendiese Grenzwerte und regelmäßige Kontrollen. Leitungswasser hingegen ist das deutschlandweit am strengsten kontrollierte Lebensmittel überhaupt: Große Wasserversorger müssen mehrmals täglich(!) ihr Wasser nach den strengen Richtlinien der deutschen Trinkwasserverordnung prüfen.
Einer Studie der Universität Frankfurt zufolge ist Mineralwasser aus Plastikflaschen zudem überproportional hoch mit sogenannten Umwelthormonen belastet. Das sind meist bei der Kunststoffproduktion verwendete Chemikalien, die aus den Plastikprodukten langsam ausgewaschen werden. Sie können möglicherweise das Hormonsystem von Menschen beeinflussen indem sie der männlichen Hormonbildung entgegenwirken. Die genauen Effekte auf den menschlichen Organismus sind aber noch nicht bekannt und Gegenstand intensiver Forschung.

3) Wenn es so schön prickelt

Viele mögen aber nun mal das frische Sprudeln der zugesetzten Kohlensäure. Auch hier gibt es mit den sogenannten „Wassersprudlern“ gute Alternativen. Eine Patrone die 60 Liter Wasser mit Kohlensäure versetzt, kostet knapp acht Euro und damit 13 Cent pro Liter – etwa der Preis des billigsten Mineralwassers aus dem Discounter. Ersetzt man ein Mineralwasser der mittleren Preisklasse mit einem Wassersprudler, sind dessen Anschaffungskosten schon nach wenigen Monaten amortisiert.

Das gute Gewissen

Last but not least punktet Leitungswasser natürlich mit seiner hervorragenden Umweltbilanz: Keine Produktion von PET- oder Glasflaschen, kein Transport über Hunderte von Kilometern. Das heißt im Klartext: keine Erdölförderung, kein Plastikmüll, kein CO2. Leitungswasser spart in erheblichem Maße Ressourcen und Energie, global wie zu Hause.

Leitungswasser – ein echter Allrounder

Preis, Mineralien, Sauberkeit, Kontrollen, Kohlensäure, Umweltbilanz: Egal aus welcher Perspektive man es betrachtet – eigentlich gibt es keinen Grund für den Kauf von Mineralwasser. Schließlich gibt es andere Freizeitaktivitäten als Kistenschleppen, obendrein günstigere. Bleibt noch: der Geschmack. Der ist ja bekanntlich verschieden und es lässt sich nicht über ihn streiten. Verschieden schmeckt das Leitungswasser in den unterschiedlichen Regionen und Städten Deutschlands allemal. Verbrauchertests haben allerdings gezeigt, dass die große Mehrzahl der Menschen bei Blindtests nicht zwischen Leitungswasser und stillem Mineralwasser unterscheiden kann. Da hilft nur eins: selbst ausprobieren.

  • Zapfen statt schleppen! Gut für Deinen Geldbeutel! Gut für die Umwelt!
  • Wenn Du nicht auf Kohlensäure verzichten möchtest, lohnt sich die Anschaffung eines Wassersprudlers. Die Patronen werden meist von Apotheken und Drogerien vertrieben und dort auch wieder zurückgenommen. Konkrete Händleradressen findest Du auf der Homepage der jeweiligen Anbieter der Wassersprudler.
  • Soll unbedingt auf Mineralwasser zurückgegriffen werden, dann sollte dieses in regional produzierten Mehrwegflaschen gekauft werden. Einwegflaschen, die nach Gebrauch höchstens noch zu minderwertigerem Plastik verwertet werden können, haben die schlechteste Ökobilanz.

 

Weiterführende Informationen

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1 Kommentar zu “Schleppst Du noch oder zapfst Du schon?

  • […] Zitat von madameyamyam Ja, es war nur die Erklärung warum ich teueres Wasser kaufe und es auch noch heimschleppe und nicht einfach nur den Hahn öffne. ??? – dann lies mal aktuell hier: Zu wenig Mineralien, manchmal sogar Keime: Die Stiftung Warentest hat stille Mineralwässer unter die Lupe genommen und ist wenig begeistert. Die Verbraucherschützer raten deswegen zu Leitungswasser. Günstige Alternative : Leitungswasser gewinnt im Test gegen Mineralwasser Schleppst Du noch oder zapfst Du schon? In Deutschland kostet ein Liter Mineralwasser aus der Flasche 75 bis 500 mal mehr als ein Liter Leitungswasser, obwohl es durchschnittlich nicht von höherer Qualität ist. mehr: Leitungswasser vs. Mineralwasser […]

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