Planet der Rinder

Etwa 90 % der Säugetiermasse auf der Erde besteht aus Menschen und ihren Nutztieren.

Quelle: Gaia, V. (2011) ‚An Epoch Debate‘, Science vol. 334, no. 6052, pp.32-37

Rasantes Wachstum nicht nur beim Menschen

Vor etwa 10.000 Jahren fand die so genannte neolithische Revolution statt. Zu dieser Zeit ließen sich die ersten Menschen in Mesopotamien, dem heutigen Grenzgebiet zwischen Südanatolien, Syrien, Irak und Iran, nieder und fingen an, Viehzucht und Ackerbau zu betreiben. Man könnte also sagen, das moderne Rind wurde erfunden, außerdem das Schaf und die Ziege. Schweine kamen etwas später aus Asien, ebenso Pferde. Danach haben die domestizierten Tiere ein Bevölkerungswachstum hingelegt, wie man es sonst nur von einer Spezies kennt: dem Menschen. Die Zahl der Rinder etwa ist bis heute auf etwas über eine Milliarde angewachsen. Zusammen wiegen die Rindviecher dieser Welt 600 Milliarden Kilogramm. Das ist mehr als das doppelte des Gesamtgewichts der Menschheit, welches sich auf 287 Milliarden Kilogramm summiert.
Natürliche Populationen wilder Tiere können da schon lange nicht mehr mithalten: Der Mensch und alle seine domestizierten Tierarten machen zusammen mehr als 90% der gesamten Säugetiermasse aus. Alle wilden Säugetiere zusammen – Elefanten, Rotwild und die riesigen Herden Rentiere Alaskas und Skandinaviens etwa – fallen global kaum ins Gewicht. Der Mensch gestaltet also nicht den Großteil der Oberfläche der Erde, er entscheidet auch, wer sie bewohnt.

Über die Tragekapazität des Ökosystems

Das mag eine ernüchternde Vorstellung sein. Vor allem aber birgt es ganz praktische Probleme: Die schiere Menge an Nutztieren macht es immer schwieriger, sie angemessen zu halten. In vielen Regionen der Erde gibt es so viele Nutztiere, dass der eigene Boden gar nicht mehr genug für deren Ernährung hergibt. Zum Beispiel bei uns in Europa. Man spricht dann davon, dass die Population über die natürliche Tragekapazität des Ökosystems hinausgewachsen ist. Das fehlende Futter muss importiert werden, meist kommt es aus Lateinamerika, wo für den Futtermittelanbau Millionen Hektar Regenwald gerodet werden. Nicht nur „die Wildnis“ ist damit bedroht, sondern auch ganz konkret unsere eigenen Lebensgrundlagen.

Überbevölkerung hängt auch von der Lebensweise ab

Die Ernährung der Bevölkerung durch Fleisch ist kostspielig im Hinblick auf Energie- und Wasserressourcen, sowie die Klimabilanz. Das alles ist hinlänglich bekannt. Das Earth Policy Institute, ein Washingtoner Think-Tank für eine nachhaltige Zukunft, gibt dazu folgende Beispiel-Rechnung: Menschen in Indien essen sehr wenig Fleisch, sie konsumieren pro Person umgerechnet etwa 200 kg Getreide im Jahr. Auf diesem Konsumniveau könnte die globale Getreideernte 10 Milliarden Menschen versorgen. In den USA isst jeder Bürger im Durchschnitt fast 800 Kilogramm Getreide im Jahr, das meiste davon über den Umweg Rind. Weltweit könnten wir so nur 6 Milliarden Menschen ernähren. Das Problem der Überbevölkerung ist damit zwar immer noch menschengemacht, aber trotzdem nicht mehr rein menschlich. Überbevölkerung bedeutet nicht nur: „Wie viele Menschen sind wir?“, sondern auch: „Wie leben wir?“

 

Wer die Wildnis liebt und auch in Zukunft gerne eine Erde voller Diversität und den Wundern der Natur erleben möchte und wer sich am Erhalt der natürlichen Lebensgrundlagen des Menschen beteiligen möchte, der kommt an einem generellen und alles umfassenden „weniger ist mehr“ an dieser Stelle nicht vorbei. Weniger Platzverbrauch, weniger Energieverbrauch und weniger Ressourcenverbrauch von uns, bedeutet mehr von allem für die Lebewesen, mit denen wir diesen Planeten teilen und für die Kinder, denen wir ihn überlassen möchten. Deswegen können die rehab-taten heute auch nur ganz allgemein lauten:

  • Wir konsumieren mit Verstand: Reduce, Re-use, Recycle. „Geiz ist geil“ war gestern! Heute gilt: Qualität ist geil! Wir achten darauf, dass unsere Produkte qualitativ hochwertig sind. Das gilt besonders auch für landwirtschaftliche Produkte.
  • Wir setzen uns ein oder spenden für Projekte, die Selbstbestimmung, Bildung und Gleichberechtigung von Frauen in der dritten Welt fördern, einer der Schlüssel zu einem gesunden Geburtenrückgang.
  • Wir essen weniger Fleisch. Wenn wir alle nur so viel Fleisch äßen, dass die Tragekapazität der Ökosysteme nicht überschritten wäre, wäre das schon eine starke Entlastung für den Planeten.
  • Wir achten auf Bio-Zertifikate wie Bioland und Naturland. Denn die zertifizierten Betriebe importieren in der Regel kein Futtermittel aus Übersee. Außerdem ist Bio-Landwirtschaft nicht so „Wildnis-feindlich“ wie konventionelle Landwirtschaft.
  • Wir setzen uns für den Erhalt und die Ausweitung von Nationalparks ein.

Weiterführende Informationen

Das Buch „Menschenzeit“ von Christian Schwägerl wirft den Begriff „Anthropozän“ auf und beschreibt, wieso wir längst in diesem Zeitalter leben.

Der WWF erklärt auf seinen Seiten zur „Fleischfrage“ die Zusammenhänge zwischen Fleischkonsum, industrieller Landwirtschaft und unseren Lebensgrundlagen.