Ein Kommentar

Reiche werden immer reicher. Arme werden immer ärmer. VERDAMMTNOCHMAL, da sollte man… Oh, ein Flüchtling!

Es ist eine Meldung, die mehr oder weniger untergeht: Die Schere in Deutschland geht weiter auseinander. Die ärmere Hälfte der deutschen Haushalte besitzt gerade einmal ein Prozent des Nettovermögens. 1998 waren es noch fast drei mal so viel (2,9 %). Dafür hat das reichere Zehntel noch mehr Geld angesammelt. Statt 45,1% im Jahr 1998 sind es jetzt 51,9 %. Das ist beunruhigend ja. Doch bevor man sich darüber aufregt oder es darüber gar eine Debatte im Land oder an den Stammtischen geben könnte, hat sicher schon jemand viel lauter vor den Gefahren der Flüchtlinge gewarnt, und das ist natürlich das wichtigere Thema. Denn da steht unsere Heimat und unsere Sicherheit auf dem Spiel. Seit Monaten wird fast nur über die „Bewältigung der Flüchtlingskrise“ gesprochen: Obergrenze? Schießbefehl? Ist Integration möglich? Überrollt uns der Islam? Wo kommen die Wohnungen her?

Oxfam-Studie schockiert kurz… und wird dann wieder vergessen

Noch vor ein paar Tagen tauchten kurz in manchen Nachrichtenmedien und auf mancher social-media-Nachricht die Ergebnisse eine Oxfam-Studie auf, nach der die 62 reichsten Menschen der Welt so viel besitzen wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung. 62 Menschen besitzen so viel wie 3,7 Milliarden! Oder 1 Mensch besitzt so viel wie 60 Millionen Menschen! Doch auch hier folgte keine Empörungswelle. Kurz denken wir uns: DAS KANN DOCH NICHT SEIN! Und schnell sind wir wieder bei anderen Fragen: wie man diese „Flüchtlingskrise“ bekämpft, wie man beim Quizduell gewinnt, was man sich noch im Schlussverkauf zulegt oder wie man vor Flüchtlingen warnt.

Bildquelle: oxfam.de

Bildquelle: oxfam.de

Dabei sollten die ungleiche Verteilung von Vermögen und Fluchtgründe nicht getrennt voneinander betrachtet werden. Armut und Perspektivlosigkeit sind meist der Grund, warum sich Menschen direkt eine neue Heimat suchen oder warum sie sich beispielsweise terroristischen Vereinigungen, wie dem IS, anschließen, um dort eine vermeintlich bessere Zukunft zu finden. Die daraus resultierenden Konflikte und Kriege führen zu weiteren Flüchtlingen.

Wenn nicht aus Menschlichkeit, dann wenigstens aus Egoismus?

Sind wir Menschen denn nicht in der Lage ein bisschen weiter in die Zukunft zu denken? Wer sind die Flüchtenden der Zukunft? Wer kommt in 10 Jahren zu uns? In 20 Jahren? Was passiert, wenn das vorhergesagte Bevölkerungswachstum in Afrika wirklich eintritt und sich die wirtschaftliche Lage dort nicht verbessert? Was, wenn der Klimawandel so voranschreitet, wie angekündigt und Millionen Menschen bei uns Zuflucht suchen? Was, wenn wir weiter Ressourcen plündern und Lebensräume zerstören? Was bringen uns dann Obergrenzen und Stacheldrähte? Wenn wir schon nicht aus Menschlichkeit handeln wollen, dann doch vielleicht aus reinem Egoismus: Wir müssen endlich verstehen, dass es uns auf Dauer nur dann gut gehen kann, wenn es überall auf der Welt genügend Essen und Perspektiven gibt. Unsere Klimapolitik, die Waffenexporte und unsere Handelspolitik zeigen, dass wir das scheinbar immer noch nicht ausreichend verstanden haben.

Arschlöcher gibts überall

Klar, man darf nicht nur langfristig denken. Vor dem Krieg Geflüchtete stehen JETZT an unseren Grenzen und brauchen JETZT Hilfe. Daher ist es wichtig, diesen Menschen zu helfen und es ist richtig, dass sich unsere Regierung (noch) für Menschlichkeit und gegen Abschottung entscheidet. Und es ist toll und wünschenswert, dass sich auch weiterhin so viele Menschen einsetzen, um die aus höchster Not zu uns kommenden Menschen zu versorgen, für sie da zu sein und ihnen dabei zu helfen, sich zu integrieren und eine Arbeit zu finden. Es ist wichtig, dass jetzt viele Menschen aufstehen und gegen die Vorurteile kämpfen, die zur Zeit täglich zunehmen. Ja, es wird auch Probleme geben. Auch unter den zu uns kommenden Geflüchteten sind „Arschlöcher“ dabei. In welcher größeren Menschengruppe gibt es keine „Arschlöcher“? Diese müssen wir auf die richtige Bahn begleiten oder sie nach schweren Straftaten auch ausweisen.

Und ja, es haben auch jene Menschen Recht, die darauf hinweisen, dass nicht alle, die in Armut leben, nach Europa oder gar nach Deutschland kommen können. Die Schlussfolgerung daraus kann aber nur eine sein: es ist an der Zeit, die Armut und Ungerechtigkeit, die Umweltzerstörung in unserer Welt zu bekämpfen, um die Lebensgrundlage in der Heimat der Menschen zu verbessern. Das können wir nicht alleine und nicht von heute auf morgen aber es wäre schon ein Anfang, wenn wir mit unserer Politik und unserer Wirtschaftsweise diese Probleme nicht immer weiter verschärfen würden. Auch wenn sie oft weit weg zu sein scheinen, klopfen die Probleme früher oder später in Gestalt von hilfsbedürftigen Menschen an unsere Haustüre.

Was bringt uns mehr: TTIP oder ein Handelskonzept mit Afrika?

Mit ein paar Spenden hier und da ist die Armut nicht zu beseitigen. Flüchtlingsströme der Zukunft werden so nicht verhindert. Eine wirklich nachhaltige Verbesserung ist nur durch eine andere Wirtschaftsweise, eine andere Handelspolitik, einen anderen Konsum möglich. Warum wird in einer Polit-Talkshow nicht ein mal die Agrarexportsubvention unter die Lupe genommen, die Märkte in Afrika zerstören? Warum bemüht sich die EU-Kommission um mehr Handel mit den USA (TTIP) und bemüht sich nicht primär darum, die extreme Armut in weiten Teilen der Welt mit einer klugen Handelspolitik zu verbessern? Eine Unterstützung der afrikanischen Wirtschaft hätte für unser aller Wohlbefinden in zwanzig Jahren sicher mehr Vorteile, als ein Freihandelsabkommen mit den USA, dass primär denen dient, die schon jetzt zum obersten Prozent gehören und das nebenbei durch den erstrebten Handelszuwachs dem Klimaschutz schadet und so auch wieder zu mehr Flüchtlingen führt. Genau solche Politik, die Agrarexporte subventioniert und TTIP fördert macht Reiche reicher und Arme ärmer. Wenn dann arme Mitmenschen zu uns kommen möchten, richten wir lieber Obergrenzen ein, ziehen Stacheldrähte hoch und rüsten militärisch auf? Macht das Sinn?

Flüchtlingspolitik bekämpft nur Symptome

Lasst uns mehr nachdenken über eine faire und nachhaltige Wirtschaftsordnung, anstatt nur noch über Flüchtlingspolitik zu sprechen. Lasst uns eintreten für fairen Handel, für die Förderung Erneuerbarer Energien in Ländern des globalen Südens, für die Abschaffung von Subventionen für Massentierhaltung und Agrarexporte. Lasst uns stark machen für eine weltweite Renaissance der kleinbäuerlichen Landwirtschaft. Lasst uns den Klimaschutz forcieren, um Klimaflüchtlinge zu vermeiden. Lasst uns dafür sorgen, dass sich die Einkommen in unserem Land und auch weltweit wieder annähern. All das verringert die Zahl der Flüchtlinge und ist auf Dauer effektiver als jede Obergrenzen-Diskussion.

Lasst uns unsere Stimme erheben für eine gerechtere Welt. Denn ohne diese gibt es keine Lösung der „Flüchtlingskrise“. Und wir alle können und sollten was dafür tun. Aus Menschlichkeit und aus Egoismus.

Ein Kommentar von Markus Mitterer.

 

MarkusBei rehab republic ist Markus neben den Tätigkeiten eines Vereinsvorstandes und der Konzeptentwicklung für die inhaltliche Arbeit zuständig. Dort ist er ein Nachhaltigkeitsallrounder – ausbildungsbedingt liegen seine Schwerpunkte bei Umweltthemen. Zu seinen Lieblingsprojekten gehören der Clubmob und die Umweltbildung an Schulen.

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