Tante Emma schlägt zurück!

Nachdem in den letzten vier Jahrzehnten drei Viertel der kleinen Einkaufsläden verschwunden sind, sorgen nun ganze Dorfgemeinschaften für deren Rückkehr.

Quelle: Dorfladen Netzwerk

Erst macht der Metzger zu, dann der Bäcker, die Bank ist eh schon lange weg und zuletzt schließt auch noch der kleine Supermarkt. Wenn die meisten Dorfbewohner in die nächste Stadt fahren, um dort in einem größeren Supermarkt einzukaufen, lohnen sich Läden im Dorf immer weniger. Ein Trend der nicht aufzuhalten ist? Von wegen! Vielerorts reagieren die Dorfbewohner, und  nehmen ihr Schicksal selbst in die Hand – mit Erfolg!

Das Sterben der kleinen Dorfläden

Wenn das letzte Geschäft aus dem Dorf verschwunden ist, bedeutet jede Semmel, jede Tüte Mehl eine lange Autofahrt zum nächsten Supermarkt. Das wird besonders für ältere Menschen und Einwohner ohne Auto zum Problem. Viele müssen deshalb wegziehen. Nach Schätzungen sind von deutschlandweit 160.000 Dorfgeschäften des Jahres 1970 nur ein Viertel geblieben. Die Betreiber der kleinen, oft von den Inhabern selbst geführten Geschäfte, fanden keine Nachfolger oder hatten der Konkurrenz der Discounter nichts entgegenzusetzen.
Bis zu acht Millionen Bürger auf dem Land gelten als „unterversorgt“, da sie keine Gelegenheit haben, in ihrer näheren Umgebung das Nötigste einzukaufen. Nicht nur für die Kunden ist diese Entwicklung unbefriedigend. Regionale Erzeuger verlieren ihre Käufer, wenn in Supermärkten Produkte aus der ganzen Welt verkauft werden. Ebenso leidet die Umwelt, wenn immer mehr Menschen weite Strecken mit dem Auto zurücklegen müssen, um sich zu versorgen.
Seit einigen Jahren nehmen deswegen immer mehr Menschen ihre Nahversorgung selbst in die Hand. Sie schließen sich zu einer Genossenschaft zusammen und gründen selbst einen Laden oder betreiben einen Bestehenden weiter.

Statt Gewinnmaximierung: Lebensqualität als Dividende

Wer jetzt an Sozialromantik denkt, liegt falsch. Viele der neuen Dorfläden erinnern nicht mehr an die Tante-Emma-Läden von früher. Um wirtschaftlich zu überstehen, müssen sie modern und professionell betrieben werden und alles für den täglichen Bedarf liefern. Das oberste Ziel ist jedoch nicht die Gewinnmaximierung, sondern eine funktionierende Nahversorgung zu fairen Preisen. Meist reicht es, wenn in der Bilanz eine schwarze Null steht. Den Genossenschaftlern, den Teilhabenden Dorfbewohnern, reicht als „Dividende“ die gestiegene Lebensqualität.

„Immer mehr Bürgermeister, Kommunalpolitiker und Einwohner im ländlichen Raum haben es satt, sich von den großen Konzernen vorschreiben zu lassen, wie weit sie zum Einkaufen fahren müssen und nehmen ihre Nahversorgung und ihre Lebensqualität lieber selbst in die Hand“, bestätigt Günter Lühning, Sprecher des Dorfladen-Netzwerkes im niedersächsischen Otersen.
Durch das Engagement der Dorfbewohner sind in ganz Deutschland bereits hunderte Bürger-Dorfläden gegründet worden und werden nach wie vor überwiegend erfolgreich betrieben.

Unterschiedliche Konzepte führen zum Erfolg

Durchforstet man das Internet, stößt man auf viele in den letzten Jahren entstandene Dorfladen-Projekte in Orten mit so wohlklingenden Namen wie Hüinghausen, Gottwollshausen & Gailenkirchen und Mettenheim. Jeder dieser Dorfläden hat ein eigenes Konzept. Manche haben ein angeschlossenes Café, andere einen Geldautomaten oder eine Poststelle – das Erfolgskonzept für einen Dorfladen gibt es nicht. Jede Gemeinde und jedes Stadtviertel muss eine individuelle Lösung finden.

Viele positive Auswirkungen

So unterschiedlich die Konzepte, so ähnlich sind die positiven Auswirkungen: Sie sind sowohl ökologischer, als auch sozialer und wirtschaftlicher Natur.
Die Kosten für Einkaufsfahrten lassen sich um 90 Prozent reduzieren, wenn der tägliche Bedarf zu einem Großteil am Wohnort gedeckt werden kann. Damit können pro Einwohner 600 Kilometer und rund einhundert Euro jährlich eingespart werden. Indem weniger Kilometer gefahren werden, wirkt sich dies auch positiv für den Klimaschutz aus. Die gesparten Autokilometer helfen zudem bei Klimaschutz. Beispielsweise spart ein Dorfladen im niedersächsischen Otersen nach Berechnungen des Dorfladen Netzwerks pro Jahr 300.000 Kilometer und rund 50.000 Kilogramm Kohlendioxid.
Viele Dorfläden werden von Kleinproduktionsbetriebe aus der Region und von Direktvermarktern beliefert. Damit stärken sie gleichzeitig die kleinbäuerliche und regionale Landwirtschaft. Dies wiederum kommt sowohl dem Klima- und Umweltschutz als auch der wirtschaftlichen Entwicklung des ländlichen Raumes zu Gute. Außerdem profitiert die Gemeinde von zusätzlichen Steuereinnahmen, wenn auf ihrem Grund eingekauft wird.

Genossenschaft als Erfolgsmodell

Es ist kein Zufall, dass die meisten der neuen Dorfläden als Genossenschaften organisiert sind. Die Geschäftsform ist Teil des Erfolgs. Die Genossen investieren nicht nur in den Laden, sie entwickeln und gestalten ihn selbst, entscheiden über die Produktvielfalt, kaufen selbst dort ein und profitieren auch finanziell vom Erfolg des Geschäftsbetriebes. Jedes Mitglied der Genossenschaft hat so selbst Interesse, im eigenen Laden einzukaufen. Da sich jeder Bürger an der Genossenschaft beteiligen kann, sind Ausschluss oder Neid ausgeschlossen. Bei all diesen Vorteilen ist es kein Wunder, dass die Genossenschaft als besonders nachhaltiges Geschäftsmodell gilt.
Es gibt zwar keine Erfolgsgarantie, doch mit engagierten Menschen und dem richtigen Konzept, können die neuen Tante Emmas noch viele weitere ökologische und soziale Erfolgsgeschichten schreiben. 

 

  • Grundsatz sollte sein: nicht nur möglichst regional einkaufen sondern nach Möglichkeit auch im Laden um die Ecke. Denn wer selbst mit dem Auto zum Discounter in der nächsten Stadt fährt, weil das Kilo Obst oder das Grillfleisch dort 10 Cent billiger sind, trägt selbst zum Verschwinden der Dorfläden bei.
  • Kleine Läden sind meist viel flexibler, als große Supermärkte. Deshalb lohnt es sich, den persönlicheren Kontakt auszunutzen. Tante Emma und ihre Freunde freuen sich sicher, das gewünschte Produkt zu bestellen.
  • Warum nicht? Bei Dir im Dorf oder im Viertel fehlt auch ein kleiner Laden? Gemeinsam mit Freunden, kannst Du einen genossenschaftlichen Dorfladen anstoßen.

 

Weiterführende Informationen

  • Zahlen und Fakten rund um die Dorfläden bietet das Dorfladen Netzwerk.
  • Das aktuelle Dorfladen-Handbuch des Dorfladennetzwerks beinhaltet Erfahrungsberichte, Branchenzahlen und Empfehlungen für Menschen, die ebenfalls einen Dorfladen gründen möchten.
  • Mittlerweile schützt auch das Bundesverwaltungsgericht Nachbarschaftsläden. Unter anderem darüber berichtete die Zeit im Juli 2010.
  • In der Sendung Quer waren die Dorfläden schon 2009 ein Thema – bis heute bleibt es aktuell.