Was wir werden, wenn wir groß sind…

Ein Gastbeitrag von Clara Schüttler

Früher wollten alle Tierpfleger, Feuerwehrmann oder auch Prinzessin werden. Dieselben Menschen studieren heute oft jahrelang auf Schreibtische in Großraumbüros und Aktenberge hin. Woher der Sinneswandel?

Jeder Mensch möchte sich wertvoll und geschätzt fühlen. Welchen Menschen wir mit entsprechend wertschätzender Haltung begegnen, hängt in unserem Kulturkreis sehr häufig davon ab, welcher beruflichen Tätigkeit wir bzw. sie nachgehen. „Ich arbeite als…“ führt entweder zu anerkennendem Nicken oder zu angewidertem Naserümpfen. Doch auf welcher Grundlage, nach welchen konkreten Kriterien fällen wir unser Urteil?
Ein leicht messbarer (und daher beliebter) Maßstab für die Bewertung eines Berufes ist die Bezahlung. Hören wir, dass jemand besonders viel Geld verdient, dann schließen wir daraus, dass er oder sie einen super Job machen muss. Doch lässt die Höhe der finanziellen Entlohnung am Monatsende einen Schluss auf die tatsächliche Wertigkeit eines Berufs zu? Haben gut entlohnte Berufe einen größeren Nutzen für unsere Gesellschaft als schlecht bezahlte?
Tätigkeiten in der freien Wirtschaft und Industrie werden per se deutlich höher entlohnt als beispielsweise im sozialen Sektor. Tatsache. So verdient ein(e) MaschinenbauingeneurIn im Fahrzeugbau durchschnittlich rund 3.500€, während ein(e) KrankenpflegerIn nur knapp über 2.000€ kommt. Verdient die oder der eine deswegen mehr Wertschätzung als jemand anders?

Die wertvollsten Dinge können wir nicht messen

Der Verkauf deutscher Autos hat 2014 für einen weltweiten Umsatz von rund 367 Milliarden Euro gesorgt und somit einen messbaren Wert geschaffen, der uns auch leicht beeindrucken kann. Aber Arbeit erzeugt nicht immer überhaupt einen greifbaren Gegenstand. Da pflegen Menschen die Alten und Kranken oder prägen mit ihren Anleitungen im Kindergarten den Horizont unserer Jüngsten und stärken so den Zusammenhalt unserer Gesellschaft. Diese Arbeit lässt sich nicht anfassen, drehen und wenden. Sie ist ideell und abstrakt. Was ist sie wert?
Gerne verleitet auch die Tatsache, dass ein Beruf eine besonders hohe Eintrittsschwelle hat, bspw. einen hohen Bildungsabschluss, dazu, der Person besondere Fähigkeiten zuzuschreiben. Bei Berufen, die hingegen nicht der üblichen akademischen Karriere entsprechen, wird vergessen, dass bestimmte menschliche Fähigkeiten, ein handwerkliches Geschick oder viel Muße gefragt sein können, an denen es dem genialen Professor im Gegenzug fehlt. Wem lassen wir deswegen in der Hektik des Alltags nicht genug Wertschätzung zu kommen?

Fragen über Fragen. Hier ein Vorschlag:

Machen wir uns doch selbst mal unsere eigenen Gedanken dazu, was für uns den Wert von Arbeit ausmacht. Und bemühen wir uns die Bewertung eines Berufs nicht mit der Wertschätzung für eine Person zu verwechseln. Also Schubladen auf, Kopf rein, umschauen, den Einzelnen bewusster wahrnehmen & wenn du Wertschätzung für jemanden empfindest – einfach mal Danke sagen!
Wenn viele Einzelne sich an die eigene Nase packen und ihre Wahrnehmung ändern, können wir so vielleicht einige Menschen darin bestärken lückenlosen Lebensläufen und der höchsten Steuerklasse den Rücken zuzukehren und stattdessen ihren Neigungen nach auch kreative und soziale Berufe zu ergreifen.

Clara Schüttler verfasste diesen Beitrag im Rahmen ihres Schülerpraktikums bei rehab republic.

  

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