Berufliche Selbstkontrolle

Mal schnell die E-Mails checken und das Arbeitshandy angeschaltet lassen. Von über zwei Dritteln aller Beschäftigten wird erwartet, dass sie auch außerhalb der normalen Arbeitszeit erreichbar sind.

Quelle: DGB-Studie „Stressfaktor Wochenendarbeit“

Morgens auf dem Weg zur Arbeit schon mal kurz E-Mails auf dem Smartphone checken. Am Wochenende das Arbeitshandy vorsichtshalber angeschaltet lassen. Und aus dem Urlaub das Postfach der Firma überprüfen. Es könnte ja etwas Wichtiges geben.

Neue Selbstkontrolle im Berufsleben

Ständig erreichbar zu sein gehört mittlerweile zum privaten und vor allem dem beruflichen Alltag vieler Menschen. Wir haben uns – so wirkt es zumindest – bereits daran gewöhnt und damit abgefunden. Was bleibt uns auch anderes übrig? Was gesellschaftlich und in den Medien immer häufiger auch als Work-Life-Balance diskutiert wird, beschreiben Sozialwissenschaftler als Teil einer veränderten gesellschaftlichen Machtstruktur. Früher schienen die Machtstrukturen, gerade im Berufsleben, klarer und sichtbarer. Gekennzeichnet durch Autorität und klare Anweisungen galt, vereinfacht ausgedrückt, das Motto: „Du tust das, was Dein Chef Dir sagt.“
Diese Verhältnisse sind heute eher undurchsichtig, diffus und damit wenig greifbar. Selbstkontrolle und Selbstdisziplin gelten als Leitprinzipien der modernen Gesellschaft. Der Mensch befindet sich nun in einem Wirtschaftssystem, in dem er stets flexibel und authentisch sein soll. Wir bekommen nicht mehr in erster Linie Aufforderungen von anderen, sondern gehorchen viel mehr uns selbst und unseren eigenen hohen Ansprüchen. So erzeugen wir einen inneren Druck, durchweg flexibel, innovativ, kreativ, fleißig und selbstverantwortlich zu sein.

Wochenendarbeit und ständige Erreichbarkeit nehmen zu

Eine Auswirkung dieser Selbstkontrolle ist die vermehrte Wochenendarbeit. Diese betrifft rund zwei Drittel der Beschäftigten in Deutschland, so das Ergebnis einer Studie des Deutschen Gewerkschaftsbunds aus dem Jahr 2011. In manchen Berufsgruppen, etwa bei Ärzten, Polizisten, Lokführern oder Kellnern, leuchtet die Notwendigkeit der Wochenendarbeit ein. Sie betrifft jedoch in zunehmendem Maße Beschäftigte quer durch alle Berufsgruppen. Laut der Umfrage des DGB haben 70% aller Arbeitnehmer das Gefühl, die ständige Erreichbarkeit außerhalb der normalen Arbeitszeit werde von ihnen erwartet.

Folge: Phänomen Burnout

Als Folge dieser veränderten Arbeitsstrukturen fühlen wir uns nicht selten einem großen Stressempfinden ausgesetzt. Seit den vermehrten Medienberichten ist diese Überforderung unter dem Stichwort „Burnout-Syndrom“ in aller Munde. Die hohen Erwartungen an uns selbst führen zunehmend zur inneren Erschöpfung. Die Frage bleibt, ob eine Gesellschaft mit zunehmenden psychischen Belastungen quer durch alle Bevölkerungsgruppen dazu fähig ist, verantwortungsvolle Entscheidungen für eine nachhaltige Zukunft zu treffen. Gerechte Arbeitsverhältnisse und damit gesunde, ausgeglichene Beschäftigte sind ohne Zweifel eine wichtige Basis für eine zukunftsfähige Gesellschaft.

 

  • Wir gönnen uns immer wieder Ruhepausen und Erholungsphasen, vor allem auch am Wochenende und abends – auch wenn es oft leichter gesagt als getan ist.
  • Wir müssen nicht rund um die Uhr erreichbar und online sein! Keiner sollte die Verpflichtung haben immer und überall verfügbar zu sein. Das Aufstellen eigener Regeln über Zeiten, zu denen man bewusst nicht erreichbar sein möchte, kann helfen. Wir schalten also beispielsweise abends bewusst das Handy aus und checken am Wochenende in der Freizeit nicht unsere Arbeits-Mails.
  • Wir nehmen Anzeichen von Stress und Überforderung ernst. Häufig können wir auch mit kleinen Veränderungen im Alltag Stress abbauen oder ihn von vornherein vermeiden.
  • Wenn wir merken, dass wir in Burnout-Gefahr sind, sprechen wir das bei unserem Vorgesetzten an und ziehen auch mal die Notbremse bzw. nehmen berufliche Veränderungen vor, um uns nicht „kaputt zu arbeiten“.

 

Weiterführende Informationen

  • Das Buch „Kreation und Depression. Freiheit im gegenwärtigen Kapitalismus“ (Kulturverlag Kadmos, 2010) beschäftigt sich mit der Frage nach der Überforderung und Freiheit des Menschen. In einzelnen kürzeren Beiträgen mehrerer Autoren aus verschieden wissenschaftlichen Disziplinen wird versucht der Machtstruktur in der heutigen Gesellschaft, vor allem in Bezug auf Veränderungen in der Arbeitswelt,  auf den Grund zu gehen. In der Zeit, FAZ und taz finden sich Buchrezensionen.
  • Der Soziologe Ulrich Bröckling beschreibt in „Das unternehmerische Selbst“ (Suhrkamp Verlag, 2007) Veränderungen im Wirtschaftssystem und dem modernen Ziel der Selbstverwirklichung mit all den verschiedenen gesellschaftlichen Auswirkungen.