Konventionell vs. bio vs. fleischlos

Rechenaufgabe: In der konventionellen Masthühnerhaltung teilen sich 20 Hühner einen Quadratmeter. Im Bio-Landbau sind es 10 Hühner. Wie viele Hühner passen in Deine Wohnung?

Quelle: Anbauverband Bioland

 

Immer mehr Menschen greifen bewusst zu Produkten des ökologischen Landbaus. Die Motive dafür sind insbesondere: Tier- und Umweltschutz, Qualität, Geschmack und Gesundheit. Doch in letzter Zeit kamen teilweise auch Biolebensmittel in Verruf, etwa als schlimme Bilder aus Bioställen an die Öffentlichkeit kamen. Was bedeutet eigentlich „Bio“ und geht es „Biohühnern“ wirklich besser? Wir blicken auf die Fakten.

„Bio“ bringt viele Vorteile mit sich

Bauern in der ökologischen (=biologischen) Landwirtschaft setzen in ihrem Betrieb weder chemisch-synthetische Pestizide, noch Kunstdünger oder Gentechnik ein. Für Nutztiere gelten „artgerechte“ Haltungsregeln statt industrieller Produktionsbedingungen. Im Vergleich zu ihren konventionellen Kollegen bieten Biobauern mehr Arbeitsplätze, sie halbieren den Energieverbrauch und den Ausstoß von Treibhausgasen. Durch die Nutzung ökologisch produzierter Futtermittel und die vorgeschrieben Weidehaltung in der Rinderzucht schonen sie die natürlichen Ressourcen und bewahren Kulturlandschaften.

Bio-Hühner können ins Freie, haben mehr Platz und leben länger

Was bedeutet „bio“ bei der Hühnerzucht? Antibiotika werden nur selten bei akutem Bedarf verabreicht. Statt 20-30 Tausend sind maximal 4.800 Tiere pro Stall zulässig und im Gegensatz zur konventionellen Landwirtschaft sind pro Huhn 4m² Grünauslauf ebenso vorgeschrieben wie ein Wintergarten. Biomasthühner dürfen auch länger leben (70-90 Tage statt 38) und haben so mehr Zeit zu wachsen. Und vor allem: sie haben mehr Platz. Im Biobetrieb sind pro Quadratmeter 21 kg „Hühnermasse“ oder maximal 10 Tiere zugelassen, während in der konventionellen Haltung  35 kg oder ca. 20 Tiere erlaubt sind. 20 Hühner pro Quadratmeter! Das hieße auf 50m² leben 1000 Hühner!

…führen wir die Rechnung noch ein bisschen weiter. Wie viele Hühner könnten wir in unserer Wohnung in einem Jahr zur Schlachtreife bringen? Ein Huhn in der konventionellen Masthaltung lebt gerade einmal 38 Tage, bis es sein Schlachtgewicht von ca. 1.700g erreicht hat. Nehmen wir an, wir nutzen noch den ein oder anderen Tag nach der Schlachtung zum großen Reinemachen, dann kommen wir im Jahr auf genau 9 x 1000 Hühner in unserer 50m²-Wohnung. 9.000 Hühner! Zum Millionär werden wir dadurch trotzdem nicht. Dank der in Deutschland extrem niedrigen Lebensmittelpreise, bekommen wir für ein ganzes Huhn gerade einmal 2,10€. Nach Abzug der Futter- und sonstigen Kosten bleiben an Gewinn: 25 Cent. Pro Huhn. Ein Irrsinn! Davon können wir uns im Supermarkt ein Ei kaufen! Hurra!
Biohühner scheinen es also unter anderem dank größerer verfügbarer Fläche besser zu haben – das spiegelt sich aber nicht in den Verkaufszahlen wieder. Leider ist uns der Preis unseres Hühnchens deutlich wichtiger, als die Haltungsbedingung. Deshalb kommen lediglich 0,9% unserer Hühner aus Biohaltung.

Auch Bio-Tierhaltung ist Tierhaltung

Ist denn alles gut, wenn wir alle nur noch „bio“ kaufen? Ganz gewiss nicht – auch bei „nur“ 4.500 Hühnern im Stall kann man von Massentierhaltung sprechen. Ob das einer artgerechten Tierhaltung entspricht, sei dahingestellt.
Wer das nicht unterstützen möchte, dem bleibt entweder der weitgehende oder gar komplette Verzicht auf Fleischprodukte oder die Suche nach kleinen, ökologisch und artgerecht wirtschaftenden Betrieben aus der Region. Ja, die gibt es, doch sie sind rar und meist nehmen wir uns auch nicht die Zeit für eine ausgiebige Recherche.
Wer nicht auf seinen Fleischkonsum verzichten möchte aber keinen gut geführten Bauernhof in seiner Gegend kennt, der hat mit dem Bio-Siegel durchaus einen guten Anhaltspunkt. Daran kann man sich halten, um tierische Produkte aus „artgerechterer“ Tierhaltung zu beziehen. In einem unübersichtlichen und unpersönlichen Lebensmittelmarkt bietet das Bio-Siegel eine gute Orientierung und einen Schritt hin zu einem verantwortungsbewussteren Konsum von Tieren – auch wenn einige Regeln in der ökologischen Landwirtschaft einiger Nachbesserung bedürfen, um immer von artgerechter Haltung sprechen zu können.

Bioland, Naturland und Demeter haben die strengsten Regeln

Bleibt noch zu erwähnen: bei den Erzeugerverbänden wie Bioland, Demeter oder Naturland kommen strengere Regeln zur Haltung und Futtermittelbeschaffung zum Tragen als beim EG-Biosiegel. Die Tiere werden hier also „noch artgerechter“ gehalten.

Wenn Fleisch, dann bio!

Aber ist der „verantwortungsbewusste Konsum von Tieren“ nicht ohnehin ein Widerspruch in sich? Letztendlich muss das jeder für sich entscheiden. Und egal wie die Entscheidung ausfällt: Die bewusste Auseinandersetzung  mit den Bedingungen auf einem Bauernhof ist dafür unumgänglich. Oft wird man feststellen, dass alleine das Wort „Bauernhof“ besser durch „Fleischproduktionsfabrik“ ersetzt werden sollte.
Lügen wir uns also nichts vor: Wer für keinerlei Tierleid verantwortlich sein möchte, dem bleibt nur der Umstieg auf eine vegetarische Ernährung. Wer es für vertretbar hält, tierische Produkte aus artgerechter Tierhaltung zu sich zu nehmen aber persönlich keinen Tierzuchtbetrieb kennt, dem er vertraut, der kann zu Bioprodukten greifen und sich hier in der Regel sicher sein, bessere Bedingungen für Tier und Umwelt zu unterstützen. Doch diese Produkte haben ihren Preis. Für 2,10€ pro Huhn wird es nie eine artgerechte Tierhaltung geben. Und daher müssen wir uns neben der Frage „welches Fleisch essen wir?“ vor allem die Frage stellen, „wie oft essen wir Fleisch?“.

 

  • Wir essen insgesamt weniger Fleisch. Ein bis zwei mal pro Woche bewusst, statt täglich 3-mal im Vorbeigehen ein Stück Fleisch zu uns zu nehmen, nützt nicht nur unserer Gesundheit sondern vor allem der Umwelt und damit unserer Lebensgrundlage.

  • Auch wenn es schwarze Schafe gibt: In der Regel wird Fleisch aus ökologischer Landwirtschaft nachhaltiger produziert und den Tieren geht es deutlich besser. Dabei unterliegen die Betriebe regelmäßigen Kontrollen unabhängiger Stellen. Die Produkte der Anbauverbände wie Demeter, Bioland oder Naturland sind am ehesten zu empfehlen, da sie sich durch die noch strengeren Richtlinien selbst verpflichten, umwelt- und tierfreundlicher zu wirtschaften.

  • Generell gilt: Wir achten mehr darauf, welche Lebensmittel wir zu uns nehmen und dabei besonders auf die Kriterien regional, ökologisch, saisonal und fleischarm.

Weiterführende Informationen

  • Wir haben uns Anfang des Jahres auf einem Biobauernhof umgesehen – was wir dort erlebt haben, könnt ihr in unserem Blog nachlesen.

  • Das Bio-Siegel: was steckt dahinter, was sind die Bedingungen, wie oft wird kontrolliert?

  • Ein Überblick über verschiedene Siegel liefert diese Zusammenstellung auf Spiegel Online: was bedeutet das Bio-Siegel, „fair trade“, „PRO PLANET“ oder „QS. Ihr Prüfsystem für Lebensmittel“

  • Ein „Vergleich von Gütesiegeln für Fleisch“ des WWF.

  • Spiegel Online vergleicht 2 Hühnerleben auf unterschiedlichen Höfen und zeigt Fotos von deren Ställe.

  • Der Film Earthlings zeigt Bilder aus der Massentierhaltung, die zum Nachdenken anregen.